Artikel von 09.03.2020
Digitalisierung ist kein Selbstzweck!

Einer der aktuellen Lieblingsbegriffe der Politik ist das Wort Digitalisierung. In keinem Statement eines Politikers darf es fehlen. Und immer wieder die Ermahnung an Verwaltung und Unternehmen, dass man sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und in Sachen Digitalisierung größere Anstrengungen unternehmen müsse, um ... ja, warum eigentlich? 

Beginnen wir von vorne. Was ist Digitalisierung? Sie bedeutet, Analoges, quasi Gegenständliches, in Bits und Bytes, also elektrische Speichereinheiten, zu überführen. Es geht darum, analoge Inhalte in eine digitale Form umzuwandeln oder analoge Prozesse in eine digitale Arbeitsweise umzugestalten. Alte Fotos zu scannen und auf dem PC zu speichern, anstatt sie in Schuhkartons zu lagern, oder den am PC formulierten Text als E-mail zu versenden anstatt den per Hand geschriebenen Brief mit der Post zu verschicken, sind Beispiele für digitale Transformationen. 

Bevor man aber im eigenen Unternehmen oder in Verwaltungen mit Initiativen der Digitalisierung startet, sollte man sich Gedanken machen, was man sich davon verspricht, welchen Sinn die Aktivitäten haben sollen. Denn Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Es gilt deshalb, sich vorab klar zu machen, welche Nutzenkategorien es überhaupt gibt.

Konkret unterscheidet man die Nutzenkategorien 1. Gewinn oder Ersparnis, 2. Sicherheit, 3. Komfort, 4. Prestige und 5. Freude. Und egal ob es um die Gestaltung neuer Produkte, die Veränderung von Prozessen oder die Erweiterung von Systemen geht, stets sollte man sich vorher fragen, welchen Nutzen diese Aktivitäten haben sollen. Oder einfacher gefragt: Was bringt´s?

So kann eine Produktinnovation das Ziel haben, dem Kunden die Handhabung des Produkts zu erleichtern, also den Komfort zu erhöhen; oder es geht darum, eine Verwaltungshandlung schneller als bisher ausführen zu können, also Zeit zu gewinnen. Der Nutzen des Sicherheitsgurtes steckt bereits im Namen. Im Markennamen Rolex steckt dagegen zwar keine unmittelbare Nutzenbotschaft, aber fast jedem ist klar, dass es hier um Prestige geht – und vielleicht auch um die Freude, sich eine solche Uhr leisten zu können.

Wenn es um den Nutzen von Digitalisierungsaktivitäten in Unternehmen geht, spielen die Kategorien Freude und Prestige kaum eine Rolle. Außer ein Unternehmen ist überzeugt, als Arbeitgeber dann besonders begehrt zu sein, wenn ihm der Ruf vorauseilt, in Sachen Digitalisierung ein Vorreiter zu sein. Dann kann selbst die Kategorie Prestige bei Überlegungen zu Maßnahmen der Digitalisierung eine Rolle spielen.

Die Initiativen der Digitalisierung, die in Unternehmen vor allem zu finden sind – egal ob sie sich nach innen an die interne Organisation richten oder in nach außen zu den Kunden –, dürften in erster Linie darauf zielen, etwas effizienter (Kategorie Gewinn/Ersparnis), sicherer (Kategorie Sicherheit) und / oder einfacher (Kategorie Komfort) zu machen.

Den erwarteten Effekt sollte man dabei vor dem Start der Digitalisierungsprojekte, so gut es geht, quantifizieren, egal ob in Zeiteinheiten, die man gewinnen, oder in Geldeinheiten, die man sparen möchte. Gleiches gilt für die Kosten eines Digitalisierungsprojektes. Nur so ist am Ende eine Kosten-Nutzen-Analyse möglich. Und eine solche Analyse sollte stets eine Entscheidungshilfe sein bei der Antwort auf die Frage, welche Maßnahmen der Digitalisierung wirklich sinnvoll und wirtschaftlich sind und deshalb auch umgesetzt werden und welche nicht.

Über eines darf der schillernde Begriff Digitalisierung jedenfalls nicht hinwegtäuschen: Schlechte Prozesse werden nicht dadurch besser, dass sie digitalisiert werden; und schlechte Unternehmenszahlen, die anstatt wie gestern auf Papier morgen digital verarbeitet werden, werden dadurch keine besseren Zahlen. Es ist deshalb darauf zu achten, dass vor lauter Euphorie in Sachen Digitalisierung der Blick für das Wesentliche nicht verloren geht – nämlich gute Produkte und Dienstleistungen zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten – und daß das Denken noch immer vor dem Handeln kommt. Geht man so an die Sache heran, bieten die Möglichkeiten der Digitalisierung allerdings enormes Potenzial, vieles einfacher, schneller oder billiger zu machen, als das heute der Fall ist.